Das wichtigste und doch vernachlässigte Führungsprinzip

Vor kurzem nahm ich an einem Online-Seminar des Managementgurus Darren Hardy teil. Thema: «The Keystone Principle of Leadership»: wir lernen DAS wichtigste Führungsprinzip überhaupt kennen – so zumindest behauptet das seine Kommunikationsabteilung. Da ich gegenwärtig ein Buch über Führung schreibe und in diesem Zusammenhang mittlerweile auch über 85 erfahrene Top-Führungskräfte zum Thema Führungsprinzipien interviewt habe, war ich auf die Erkenntnisse von Darren Hardy äusserst gespannt.

Darren kam gleich auf den Punkt. «The most important and most violated principle of leadership: Lead by Example». Das hatte ich doch schon einmal gehört … und zwar noch vor dem Start meiner beruflichen Karriere. Als knapp 20-jähriger Unteroffizier musste ich aus einem «zusammengewürfelten Haufen» ein Kollektiv formen und dieses Team auch in schwierigen Situationen motivieren, sein Bestes zu geben. Ich verbrachte viel Zeit mit meinen Soldaten und habe dabei sehr direkt gespürt, dass meine Handlungen und meine Werte zum Massstab meiner Soldaten werden. Ich habe die Bedeutung der Vorbildwirkung hautnah erlebt. Und ich erkannte schon damals, wie enorm anspruchsvoll es für mich ist, diesem Führungsprinzip zu jeder Zeit gerecht zu werden. Ein gutes, beispielhaftes Bild abzugeben, auch wenn man einmal nicht gut drauf ist, ist enorm schwierig und Bedarf ein hohes Mass an Selbstdisziplin.

Vorleben, da Menschen ihre Anführer nachahmen

Gespannt lausche ich der Begründung von Darren, weshalb dieses Führungsprinzip das wichtigste von allen ist. Seine Überlegung: Menschen lernen primär durch Nachahmung, also durch Beobachtungslernen. Kinder imitieren in ihrem Verhalten ihre Eltern, später als Mitarbeitende eifern wir unseren beruflichen Vorbildern nach. Die Führungskraft setzt die Messlatte. Bei Kindern ist dieses Argument schlüssig. Bei erwachsenen Menschen in einem beruflichen Kontext wird der Effekt des Beobachtungslernen äusserst kontrovers diskutiert. Darren stellt sich auf den – vielleicht in den USA prononcierteren – Standpunkt, dass sich Mitarbeitende stets an ihrem Anführer orientieren. Dieser setzt den Standard bezüglich persönlichem Einsatz und Verfügbarkeit, Qualität der Leistung, Kunden- und Serviceorientierung sowie Kostenbewusstsein. Er demonstriert mit seinen Werten und Handlungen, welches Verhalten in seinem Team erwünscht ist und welches nicht.

Vorleben ist nicht sehr ansteckend

Vorleben ist nicht sonderlich ansteckend – so lautet der häufigste Einwand gegen die Theorie von Darren Hardy. Wer bei passender Gelegenheit mit viel Pathos fordert, das Top-Management dürfe Veränderungen nicht nur von den Mitarbeitenden fordern, sondern müsse sie auch selbst vorleben, kann sich des allgemeinen Beifalls sicher sein – doch wie ist es in der Realität? Die ist, wie so oft, enttäuschend für die Führungskraft. Die Mitarbeitenden, die überhaupt bemerken, dass die Führungskraft etwas vorlebt, begrüßen das zwar, machen aber keine Anstalten es «nachzuleben». Nur der ehrgeizige Nachwuchs und ein paar wenige loyale Gefolgsleute schließen sich in ihrem Verhalten den Chefs an. Der Hauptgrund, warum ein Gros der Mitarbeiter dem Vorbild ihrer Vorgesetzen nicht ohne Weiteres nacheifern, ist banal: Sie sehen bei den Vorgesetzten andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten als bei sich selbst.

Zyniker meinen sogar, am besten funktioniere das Vorleben beim Überschreiten von Hemmschwellen: Beim Verlängern der Kaffeepause, beim Vordrängen in der Kantine, aber auch bei ernsteren Regelverstößen. Gleich ob bei Geschwindigkeitsüberschreitungen, dem Mitgehen-Lassen von Büromaterial oder Steuervergehen, überall dort setzt das schlechte Beispiel Einzelner auch die Hemmschwellen bei anderen herab: «Wenn der das darf, darf ich es auch!»

Worauf es wirklich ankommt

Trotz aller Einwände hat die Forderung nach dem Vorleben einen wahren Kern. Ich denke, es ist in der Tat kontraproduktiv, wenn das Handeln des Managements in krassem Widerspruch zu den eigenen Forderungen oder den gemeinsam getroffenen Vereinbarungen steht. Zum Beispiel wenn der Verwaltungsrat Sparsamkeit predigt und gleichzeitig für teures Geld die Vorstandsetage renovieren lässt. Das hat jedoch nichts mit mangelndem Vorleben zu tun, sondern mit dem sichtbaren Vorleben des genauen Gegenteils, sprich, mit massiven Verstössen gegen die selbstgesetzten Regeln – und mit Widersprüchen zwischen Worten und Taten, die der Glaubwürdigkeit generell abträglich sind.

Viele sehr erfahrene Führungskräften, die ich interviewen und kennenlernen durfte, sehen in «Authentizität» den Schlüssel zu exzellenter Führung. Für alle Führungskräfte, für die es von Bedeutung ist, dass ihre Taten in Übereinstimmung zu ihren Worten sind, ist Vorleben tatsächlich eines der wichtigsten Führungsprinzipien – auch wenn dessen Effektivität geringer ist als gemeinhin angenommen.

Mich interessiert brennend zu erfahren, welche Erfahrungen Sie mit dem Vorleben im beruflichen Alltag machen. Welche anderen Führungsprinzipien sind für Sie von fundamentaler Bedeutung? Kennen Sie Ihren persönlichen authentischen Führungsstil? Haben Sie Lust diesen zu erarbeiten? Wenn ja, dann sollten wir einmal miteinander sprechen.