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Was japanische Zugführer mit schlechten Gewohnheiten zu tun haben…

Das japanische Eisenbahnsystem gilt als eines der besten der Welt – es ist pünktlich, zuverlässig und sauber. Sollten Sie einmal in Tokio Zug fahren, dann wird Ihnen eine besondere Angewohnheit der Zugführer auffallen: Pointing and Calling. Im Führerstand absolvieren sie ein Ritual, bei dem sie auf verschiedene Dinge zeigen und Befehle rufen. Nähert sich der Zug einem Signal, zeigt der Schaffner darauf und sagt: „Signal ist grün“. Wenn der Zug in eine Station einfährt oder sie verlässt, weist der Zugführer auf den Tacho und ruft die genaue Geschwindigkeit aus. Wenn es Zeit zur Abfahrt ist, deutet er auf den Fahrplan und gibt die Uhrzeit durch. Auf der Plattform führen andere Mitarbeiter ähnliche Aktionen durch. Bevor jeder Zug abfährt, zeigen sie die Bahnsteigkante entlang und verkünden: „Alles klar!“ Jedes Detail wird ermittelt, aufgezeigt und laut benannt.

Diese Methode, das sogenannte „Pointing and Calling“ (Zeigen und Benennen), dient als Sicherheitssystem, das Fehler reduziert. Die Methode mag zwar albern wirken, funktioniert aber unglaublich gut. Durch Zeigen und Benennen lassen sich Fehler um bis zu 85 Prozent und Unfälle um 30 Prozent reduzieren. Warum ist dieses System so effektiv? Es erhöht die Aufmerksamkeit – was sonst eine nicht bewusst ausgeführte Gewohnheit wäre, wird auf die Ebene des Bewussten gehoben. Damit wir eine schlechte Gewohnheit erfolgreich verändern bzw. abstellen können, muss sie uns bewusst sein. Hierfür können wir ebenfalls das System des „Zeigens und Benennens“ nutzen.

 

Gewohnheiten bewusst machen

Hierzu möchte ich Ihnen eine einfache Übung nahelegen, mit der Sie sich Ihr Verhalten bewusst machen können. Erstellen Sie sich einfach eine Liste mit Ihren täglichen Gewohnheiten. Diese könnte beispielsweise so beginnen:

Aufwachen ► Wecker ausschalten ► Handy nach neuen Nachrichten und Mails checken ► ins Badezimmer gehen ► aufs Klo gehen ► auf die Waage steigen ► duschen ► rasieren ► usw.

Wenn Ihre Liste komplett ist, sollten Sie sich jedes Verhalten anschauen und sich fragen, ob es sich dabei um eine gute, eine schlechte oder eine neutrale Gewohnheit handelt. Ist die Gewohnheit gut, notieren Sie daneben ein +. Ist sie schlecht, notieren Sie ein . Bei einer neutralen Gewohnheit notieren Sie ein =. Für die obige Liste könnte das dann beispielsweise so aussehen:

Aufwachen (=)
Wecker ausschalten (=)
Handy nach neuen Nachrichten checken (-)
Ins Badezimmer gehen (=)
Aufs Klo gehen (=)
Auf die Waage steigen (+)
Duschen (+)
Rasieren (+)

Wie Sie eine bestimmte Gewohnheit bewerten, hängt von Ihrer Situation und Ihren Zielen ab. Für jemanden, der gerade Gewicht verlieren möchte, wäre es eine schlechte Angewohnheit, jeden Morgen Spiegeleier mit Speck zu essen. Jemand, der zulegen und Muskeln aufbauen möchte, könnte das gleiche Verhalten als gute Gewohnheit einstufen. Es kommt ganz darauf an, worauf Sie hinarbeiten. Eine gute Gewohnheit trägt effektiv etwas zur Erreichung Ihrer Ziele bei. Zur Bewertung einer Gewohnheit können Sie sich jeweils Folgendes fragen: „Hilft mir dieses Verhalten dabei, der Mensch zu werden, der ich sein möchte?“

 

„Bewusstsein schaffen“ als erster Schritt, um schlechte Gewohnheiten zu bekämpfen

Der erste Schritt zur Veränderung schlechter Gewohnheiten besteht darin, sich derer bewusst zu werden. Die Methode des Zeigens und Benennens kann hierzu äußerst hilfreich sein. Sprechen Sie die jeweilige Handlung und deren Folgen laut aus. Wenn Sie Ihr Mobiltelefon weniger oft nach neuen Nachrichten überprüfen wollen, aber feststellen, dass Sie es schon wieder in der Hand halten, sagen Sie laut: „Ich will gerade schauen, ob ich eine neue Nachricht erhalten habe. Wenn ich dies tue, lenke ich mich von meiner Arbeit ab und werde abends weniger erledigt haben.“ Wenn Sie Ihre schlechten Gewohnheiten laut aussprechen, wirken die Konsequenzen greifbarer. Die Handlung bekommt mehr Gewicht, sodass Sie die Gewohnheit nicht gedankenlos ausführen.

Wir alle haben uns im Laufe der Zeit einige schlechte bzw. ineffiziente Gewohnheiten angeeignet. Es lohnt sich, sich damit einmal bewusst auseinanderzusetzen, indem man diese auflistet, bewertet und sich bewusst macht. Probieren Sie die Methode des Zeigens und Benennens einmal aus. In der Öffentlichkeit praktiziert, ist Ihnen ein gewisser Unterhaltungswert gewiss. Mich interessiert zu erfahren, welche Erfahrungen Sie mit dem „Zeigen und Benennen“ im Alltag machen.