Der schmale Grat zwischen selbstbewusst und selbstverliebt

Patrick Freudiger zeigt auf, warum wirklich vorhandene Kompetenz nicht mit überzeugender Selbstdarstellung verwechselt werden sollte

Jeder kenne das Gefühl mit jemandem zusammenzuarbeiten, der selbst von sich überzeugt ist, aber nicht mit Leistung punktet. Oder die Situation, dass sich manch ein Bewerber nach einem vielversprechenden Vorstellungsgespräch als Mogelpackung entpuppe. „Immer wieder kommt es zu Fehlern und Irrtümern in der Personalselektion. Und je höher die zu besetzende Position im Unternehmen ist, umso ärgerlicher wird es, wenn sie fehlbesetzt wird“, erklärt Patrick Freudiger.

Schlechtes Management habe mitunter katastrophale Auswirkungen wie der Schweizer CIO des Jahres 2016 ausführt: „Mitarbeitende sind demotiviert, bringen keine Leistung und kündigen aufgrund des Vorgesetzten. Oft verliert ein Unternehmen viele wertvolle Fachkräfte, bevor eine Führungskraft ersetzt wird.“ Aus eigener Erfahrung weiß Freudiger, dass man beim Besetzen von Führungspositionen oftmals einem weit verbreiteten Irrtum unterliege: Der Verwechslung von überzeugender Selbstdarstellung mit wirklich vorhandener Kompetenz.

„Nach wie vor glauben wir der längst überholten Vorstellung, dass jemand mit einem übermäßig großen Selbstbewusstsein charismatisch ist und dass jemand, der vielleicht sogar narzisstische Züge hat, über Führungspotenzial verfügt“, gibt Patrick Freudiger zu bedenken. Die Problematik, dass genau diese Eigenschaften eher einer schlechten Führungskraft zugeordnet werden, werde oftmals ignoriert. Im Ergebnis führe das zu einem Überschuss an inkompetenten Männern in Führungspositionen. Patrick Freudiger ergänzt diesen Aspekt wie folgt: „Der Psychologe Tomas Chamorro-Premuzic argumentiert zum Beispiel, dass es nicht auf mangelnde Kompetenz und fehlende Motivation zurückzuführen ist, dass es nur wenige Frauen in Führungspositionen gibt, sondern darauf, dass wir unfähig sind, die Inkompetenz vieler Männer zu entlarven.“

Eine Führungsposition solle nicht als glamouröses Karriereziel oder die persönliche Belohnung für langjährige Mitarbeiter dienen, sondern vielmehr als wertvolle Ressource genutzt werden. Es mag attraktiv wirken, wenn sich eine Führungskraft zunächst mit sehr viel Selbstbewusstsein und charismatischen Persönlichkeitszügen präsentiere, doch die fehlende Kompetenz werde dann oft mit nahezu irrwitzigen Entscheidungen ausgeglichen, was dem Unternehmen enorm schaden könne. Patrick Freudiger rät deshalb abschließend: „Achten Sie gezielt darauf, was gute Führungskräfte ausmacht. Diese zeichnen sich besonders durch ihre Kompetenz, Integrität und Bescheidenheit aus. Wird diesen Eigenschaften bei der Besetzung einer Führungsposition ein höherer Stellenwert eingeräumt, so führt das automatisch auch dazu, dass mehr Frauen in Führungspositionen gewählt werden.“